Zum Ersten/Alten Testament

Die allmähliche(!) Entstehung der atl. Überlieferung ist nun keineswegs sicher zu rekonstruieren, aber man kann sich folgendes Szenario vorstellen: Die Männer einer Sippe oder einer Großfamilie sitzen abends mit beginnender Dunkelheit beim Essen zusammen und erzählen sich Geschichten über ihre Vorväter, über die Nachbarvölker, mit denen man zwar kulturell, auch sprachlich, eng verwandt ist, die man aber trotzdem genauso gerne mag wie Frankfurter einen Offenbacher oder ein Kölner einen Düsseldorfer. Man kann sich schon vorstellen wie das Ganze dann endet: Wir und unsere Vorfahren sind die Schlauen, die die Nachbarn immer wieder übertölpelt haben. Und natürlich haben wir auch einen eigenen Gott [oder vermutlich ursprünglich unsere eigenen Götter], der uns zur Seite steht und ggf. auch gegen die Nachbarn hilft. Natürlich ist unser Gott stärker als der der Nachbarvölker, und deshalb gewinnen wir. Wenn wir mal verlieren, dann nicht etwa wegen der Schwäche unseres Gottes, sondern weil unser Gott nicht gut auf uns zu sprechen war und uns nicht geholfen hat. Daran sind wir aber dann letztlich selber schuld.

Die Geschichten werden mündlich weitergegeben, wiederholt, neu erzählt mit neuen Akzenten oder sogar neuen Akteuren und irgendwann, möglicherweise zur Zeit einer politischen oder gesellschaftlichen Krise, aufgeschrieben. Es ist kaum vorstellbar, dass die Verschriftlichung einfach so aus heiterem Himmel erfolgte. Irgendeinen konkreten Anlass, vielleicht eine Bedrohung gleich welcher Art, wird es gegeben haben. […]

Die Erzählungen einiger Sippen, die sich v.a. in Mittelpalästina niedergelassen hatten, erlangen dabei eine ganz besondere Bedeutung. Es sind die Erzählungen von Wanderhirten, die in Zeiten der Dürre, in denen sie ums Überleben kämpfen, bis nach Ägypten hinunterziehen, um in den noch immer fruchtbaren Auen des Nildeltas zu überleben. Als sie irgendwann von dort wieder zurück in ihre alte Heimat wollen, scheinen die Ägypter diesem Ansinnen Widerstand entgegengesetzt zu haben, sodass nur die Flucht blieb. Diese ist trotz Verfolgung erfolgreich und so entkommt eine Gruppe von vielleicht 100 bis 250 Personen der Ägyptischen Großmacht. So etwas kann unmöglich ohne die Hilfe des eigenen Schutzgottes geschehen sein, dem man das Gelingen der Flucht als Heilstat zuschreibt. Auch diese Erzählung vom Exodus findet Eingang in das Gesamtbewusstsein des Volkes, vermutlich auch hier in Situationen der Bedrohung.

Und so beginnt die Niederschrift der eigenen Geschichte, nicht nur, oder möglicherweise sogar nicht einmal vorrangig, als Geschichte eines Volkes mit seinem Schutzgott. Sie wird als Gesamtisraelitisches Ereignis erzählt, wodurch, das Zusammengehörigkeitsgefüuhl gestärkt oder vielleicht sogar erst erzeugt werden soll. Urschriften sind freilich heute nicht mehr vorhanden. Bei welchen Anlässen sie verlorengingen, wissen wir nicht, aber es gibt in der Geschichte Israels genug Turbulenzen, in denen es zur Vernichtung der Texte gekommen sein könnte.

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Zum Zweiten/Neuen Testament

Ein guter Teil der Briefe, die dem Paulus laut Überschrift zugeschrieben werden, hat Paulus auch geschrieben, freilich nicht alle, die seinen Namen tragen. Diese Briefe sind gleichzeitig auch die ältesten schriftlichen Überlieferungen (Entstehungszeit zwischen ca. 50-60 n. Chr.). […]

Die Evangelien gehören von Form und Inhalt her zu einer anderen Art von Literatur. Es sind eben keine Briefe, sondern eine ganz eigene und neue Literaturgatrung.

Ihr Entstehungsprozess dürfte – ähnlich der Entstehung des AT – ursprünglich mit mündlicher Überlieferung begonnen haben. Einzelne Erzählungen von Augenzeugen und Verkündigern über Ereignisse aus der Zeit Jesu wurden zunächst nach Tod und Auferstehung im Rahmen der Verkündigung verwendet. Dabei könnten schon früh bestimmte, formal ähnliche Erzählungen gesammelt worden sein, wie z.B. Wundererzählungen, Streitgespräche, Gleichnisse u.a. Auch die Passion wird vermutlich schon sehr früh in chronologischer Abfolge zusammengestellt. Diese Elemente, angefangen von kleinen Sammlungen bis hin zu Einzelerzählungen oder auch Reden Jesu, wurden sodann, vermutlich von Mk, mittels geographischer und chronologischer Einleitungen in eine Reihenfolge gebracht. Es ist auffallend, dass es viele Sinnabschnitte gibt, die ohne diese Einleitungen existenz- und überlieferungsfähig wären und ggf. zumindest teilweise in einer beliebig anderen Reihenfolge neu zusammengestellt werden könnten, ohne ihrem Inhalt oder ihrer Form irgendwelchen Abbruch zu tun.

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