Zur Bundestagswahl: Demokratie fördern!

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Konstantin von Abendroth ist seit 2020 Beauftragter der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) am Sitz der Bundesregierung. Davor war er seit 2005 Pastor und Mitgründer der FeG „Berlinprojekt“. Im Interview spricht er über den Segen und die Herausforderung unserer demokratischen Gesellschaftsordnung. Die Fragen stellte ihm Artur Wiebe.

Lieber Konstantin, du warst Pastor des FeG-Berlinprojektes. Was sind jetzt deine Aufgaben als Beauftragter der VEF am Sitz der Bundesregierung?
Gegenüber der Politik bin ich Ansprechpartner für einen Großteil der evangelischen Freikirchen. 15 Freikirchen finden sich unter dem Dach der VEF. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Freikirchen zu benennen fällt ja bereits einem Insider schwer, umso komplizierter ist es für Außenstehende. In der Pandemie war der Bedarf für einen Ansprechpartner für die Regierung sehr konkret. Wenn es z. B. vor den Weihnachtsgottesdiensten hieß, dass die Regierung nach den Bund-Länder-Gesprächen auf Kirchen und Religionsgemeinschaften zugehen würde, saß ich in diesen Treffen als Vertretung für die Freikirchen. Aber auch ohne Pandemie gibt es Interesse in vielen politischen Institutionen, sich über Freikirchen zu informieren. Ich vernetze mich auch mit anderen Menschen in der Schnittstelle zwischen Kirche und Politik, vor allem mit der Vertretung der evangelischen Kirche.

Welche Einblicke hast du als „Lobbyist“ der Freikirchen in das Wesen unserer Demokratie bekommen, die du vorher als Gemeindepastor so nicht im Blick hattest?
Als „Lobbyist“ kann man mich zwar grundsätzlich einordnen. Dennoch verstehe ich meine Arbeit mehr als „Advocacy“, als Fürsprache, anstatt als Lobbyarbeit, die mehr die Eigeninteressen betrifft. Denn so wie wir als Glaubende in der Bibel aufgefordert werden, nicht zuerst an uns selbst zu denken, sondern uns für Benachteiligte einzusetzen, das Beste für fremde Städte zu suchen und für andere Salz und Licht zu sein, so geht es auch bei mir um Themen wie Menschenrechte, faire Asylpolitik und weltweite Religionsfreiheit. In diesen Themen finden die VEF-Kirchen eine gemeinsame Stimme.

Aber nun zu deiner eigentlichen Frage: Im vergangenen Jahr habe ich den Bundestag mit all seinen Abgeordneten ganz neu schätzen gelernt. Dort arbeiten Männer und Frauen, die sich wirklich Gedanken darüber machen, was das Beste für uns in Deutschland ist. Und oft ringen sie gemeinsam, über Parteigrenzen hinweg. Gegenseitiger Respekt und auch Vertrauen spielen da eine ganz wesentliche Rolle. Ich habe in diesem Jahr auch mitbekommen, dass manche Abgeordnete der AfD, gerade was den Respekt und die Zusammenarbeit angeht, sich in dieser Hinsicht nicht demokratieförderlich verhalten. Das macht mich immer wieder betroffen.

Was sind für dich die prägendsten Merkmale unserer demokratischen Gesellschaftsform? Wofür bist du dankbar?
Wir leben hier in Deutschland eine liberale Demokratie. Dazu gehört der Minderheitenschutz. Eine mehrheitlich gewählte Regierung hat die Aufgabe, nicht nur für die Belange der Mehrheit zu regieren, sondern alle Menschen in Deutschland im Blick zu behalten und für Recht und Schutz auch für Minderheiten zu sorgen. Dafür bin ich dankbar.

Außerdem beeindruckt mich unsere parlamentarische Demokratie, in der das Parlament über Gesetze entscheidet. Nicht nur innerhalb der Regierungskoalition wird nach guten Kompromissen gesucht, sondern im ganzen Bundestag über Parteigrenzen hinweg. Besonders in den sogenannten Ausschüssen wird gemeinsam informiert, gerungen, diskutiert und nach möglichen Lösungen gesucht.

Der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill betonte: „Die Demokratie ist die schlechteste Staatsform, ausgenommen all diese anderen, die man von Zeit zu Zeit ausprobiert hat.“ Wo ist die Demokratie für dich ein Segen, ein Wagnis und wo eine Last?
Als Segen sehe ich in unserer Demokratie die Möglichkeit des Wählens, und zwar für jede Bürgerin und jeden Bürger. Man braucht ein gewisses Alter und natürlich die deutsche Staatsbürgerschaft, aber darüber hinaus gibt es keine Einschränkungen. Das sehe ich als ein nicht selbstverständliches Geschenk an, ein Vorrecht, das auch erkämpft werden musste.

In einem Kommentar wurde dazu aufgerufen, am Tag der Bundestagswahl die Freiheit des Wählens zu feiern. Das hat mich berührt. Genauso wertvoll finde ich das passive Wahlrecht, das es jeder und jedem ermöglicht, sich politisch zu engagieren und zur Wahl aufgestellt zu werden. Das Wahlrecht unserer Demokratie ist ja nicht auf die Kanzlerkandidatin und die Kanzlerkandidaten beschränkt, sondern zeigt sich auch auf Ebene unserer Orte und Regionen.

Ein Wagnis besteht überall dort, wo man mit Menschen zusammen lebt und arbeitet. Auch in einer Demokratie braucht man Vertrauen. Und Vertrauen ist immer auch ein Wagnis.

Demokratie ist oft zeitaufwendig. Das kann eine Last sein. Auch das Aushalten anderer Meinungen kostet Kraft. Das Gute ist: Alle Gesetze gründen auf unserem Grundgesetz. Und damit können wir uns in Deutschland extrem glücklich schätzen.

Im biblischen Zeugnis gibt es unterschiedliche Formen, um zu einer Entscheidung zu kommen, z. B. Berufung Gottes, Losverfahren, Akklamation. Funktioniert Demokratie im christlichen Kontext? Wo hat demokratisches Handeln in der Gemeinde Grenzen?
Manche Aspekte des Staatsprinzips sind sicherlich zu übertragen, auch wenn Staat und Gemeinde zwei sehr unterschiedliche Größen sind. Grundsätzlich kann Demokratie die Gemeinde daran erinnern, dass es immer unterschiedliche Meinungen geben wird. Es gibt auch nicht nur eine einzige Interpretation von biblischen Aussagen, geschweige denn eine einzig richtige. Diese unterschiedlichen Sichtweisen aussprechen zu dürfen und sich gegenseitig ernst zu nehmen, braucht Zeit und braucht Mut. Da ist immer wieder Spannung, die es auszuhalten gilt. Doch gerade als Jesus-Vertrauende haben wir ja direkten Zugang zur Quelle von Mut, Liebe und Geduld. Jesus hat so viel Geduld mit uns selbst. Er hat Mut, uns zu berufen. Er liebt uns trotz unserer sehr beschränkten Weisheit.

Inwiefern gehört das Thema „Demokratie“ für dich als Thema in die Gemeinde oder auf die Kanzel? Wo siehst du dabei Chancen, wo Grenzen oder Gefahren?
Demokratische Prinzipien in Entscheidungsprozessen sind geeignete Themen in der Gemeinde. Zum Beispiel wird ein demokratisch gewähltes Leitungsteam ja nicht nur für die Mehrheit entscheiden, sondern hat alle Mitglieder der Gemeinde im Blick.

Außerdem ist Demokratie ein Thema, das uns Christinnen und Christen, die von Jesus „in diese Welt“ gestellt wurden, beschäftigt. Wir tragen eine Mitverantwortung für unsere Umgebung. Die Demokratie in unserem Land hat keine Garantie, sie muss immer auch gelebt und verteidigt werden. Dafür Motivation und Kraft zugesprochen zu bekommen, passt für mich gut in die Gemeinde.

Welche sogenannten „christlichen Werte und Haltungen“ empfindest du als förderlich für die Demokratie, welche Einstellungen in unseren Kreisen sind demokratiegefährdend?
Es gibt auch in unseren Kreisen Menschen, die die AfD wählen. Diese Partei empfinde ich als demokratiegefährdend. Denn gerade in unserem Glauben finden wir Ressourcen, um voller Hoffnung, voller Liebe und voller Glauben zu sein. Demokratie braucht respektvolle Zusammenarbeit und das Anerkennen von Pluralität, also die Tatsache, dass es viele verschiedene Meinungen gibt und geben darf. Und das bewirkt unser Glaube. Denn in jedem Menschen sehen wir Gottes Geschöpf. Demokratie braucht Kompromissbereitschaft.

Dazu befähigt uns das Evangelium von Jesus Christus, da wir nicht aufgrund von Fehlerlosigkeit glauben, sondern gerade mit unseren blinden Flecken von Gott angenommen und geliebt sind, und berufen sind, diese Welt mitzugestalten.

„Demokratie funktioniert nur gemeinsam!“, so Uwe Heimowski von der Deutschen Evangelischen Allianz. Wie können wir uns als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu persönlich und als Gemeinde gerade jetzt förderlich mit in unsere Gesellschaft einbringen?
In Zeiten von Krisen, Umbruch und einer nicht vorhersagbaren nächsten Zukunft sehe ich es als große Chance, dass unser Glauben voller realistischem Optimismus ist. Jesus hat realistisch gesagt: „In der Welt habt ihr Angst.“ Man könnte auch sagen: „In der Welt lebt ihr immer mit Spannungen.“ Jesus hat aber auch gleichzeitig optimistisch gesagt: „Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16,33). Wir können getrost sein! Mit ihm als himmlischem Weltenlenker in unseren Herzen können wir uns voller Hoffnung, voller Vergebungsbereitschaft, voller Nächstenliebe, voller Barmherzigkeit in unserer Gesellschaft einbringen.

Ein Ausdruck unserer Demokratie ist das „allgemeine, unmittelbare, freie, gleiche und geheime“ Wahlrecht (Art. 38, Grundgesetz). Mit welchen Argumenten würdest du versuchen, ein wahlmüdes Mitglied aus deiner Gemeinde zu überzeugen, an der bevorstehenden Bundestagswahl teilzunehmen?
Es wäre spannend, erst einmal zu fragen, welche Erfahrung ihn oder sie für die Wahl wieder hellwach machen könnte. Das Land, in das wir hineingeboren wurden, muss regiert werden. Mit unserer Wahl haben wir eine Stimme, die genauso wie jede andere mitgezählt wird, um diese Regierung mitzubestimmen. Und nicht nur die Regierung. Es geht um die Zusammensetzung des ganzen Bundestags, und damit auch um die Opposition und um viele Ausschüsse, in denen gemeinsam über alle Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens diskutiert und letztlich Gesetzesentwürfe erarbeitet werden.

Ich finde das Wählen mittlerweile nicht mehr nur als eine wichtige Aufgabe. Ich empfinde dabei auch eine Verantwortung, und zwar die Verantwortung, mich informiert zu haben, mich zu positionieren und einer Partei zu signalisieren, dass sie unser Land weise führen soll. Auch wenn man sich nicht zu 100 % repräsentiert fühlt, ist diese Art von Mitbestimmung eine Chance, die vielen Menschen in unserer Welt verwehrt bleibt.

Am 26. September 2021 ist Bundestagswahl: Empfindest du die persönliche Wahlentscheidung für die nächste Legislaturperiode als einfacher oder schwieriger? Wählst du im Wahllokal oder per Briefwahl?
Die diesjährige Bundestagswahl hat definitiv etwas sehr Besonderes. Die Verabschiedung von Angela Merkel als langer und beliebter Regierungschefin wird auf jeden Fall eine Veränderung bringen. Das steht schon jetzt fest. Und ja, das motiviert mich noch mehr als sonst, meine Entscheidung gut abzuwägen. Ich bin aber auch sehr positiv gestimmt auf die nächste Legislaturperiode. Eine liberale und offene Demokratie, wie wir sie in Deutschland genießen können, kann nicht konserviert werden, sie muss mit Leben gefüllt und weiterentwickelt werden, damit sie bleibt.

Ich werde per Briefwahl wählen, da ich am 26. September in Rostock beim Eröffnungsgottesdienst der „Interkulturellen Woche“ sein werde. Das ist ein ökumenisches Projekt, bei dem an vielen Orten in Deutschland Begegnungsmöglichkeiten geschaffen werden – zum Abbau von Vorurteilen und zur Stärkung von Vertrauen. Man könnte auch sagen: ein Demokratieförderungsprojekt.
Vielen Dank für deinen Dienst und Einsatz!


Dieses Interview ist erschienen in der FeG-Zeitschrift CHRISTSEIN HEUTE 09/2021 und wird mit freundlicher Genehmigung hier zur Verfügung gestellt.